Acht Jahre Engagement für faire Bildung – Die Geschichte von Felix und elhana

450 Schüler_innen in zehn Jahren zu betreuen, dass schafft kein einzelner Mensch. Seien es Spenden oder ehrenamtliche Tätigkeiten, das Engagement vieler Menschen macht unsere Arbeit erst möglich. Einer, der unseren Verein lange begleitet und geprägt hat ist Felix Bektaş. Bis Januar diesen Jahres war Felix der erste Ansprechpartner unserer Familien und Ehrenamtlichen bei elhana. Zum Abschied stellten wir ihm ein paar Fragen zu persönlichen Erfahrungen und Sichtweisen in einem Interview. An dieser Stelle möchten wir uns noch einmal ausdrücklich bei Felix für sein großartiges Engagement in den letzten acht Jahren und seine Mitarbeit im Verein bedanken. Wie es hinter den Kulissen bei elhana aussieht und was man in acht Jahren Bildungsarbeit so lernt, können Sie im Folgenden nachlesen:

Wie kamst du zu elhana?

„Im Jahr 2008 kam ich gerade nach einem Auslandsaufenthalt in der Türkei nach Deutschland zurück und statt an meinen Studienort in Bayern zurückzukehren, zog es mich nach Berlin, wo Deutschland und die Türkei einander näher sind als irgendsonst. Auf der Suche nach einer sinnvollen Beschäftigung brachte mich die Freundin einer Freundin, die schon einige Jahre bei elhana aktiv war, auf die Idee, mich bei elhana (oder Hana, wie es damals noch hieß) als Nachhilfelehrer (Lernpaten nannten wir uns zu der Zeit auch noch nicht) zu engagieren. Aus einer Schülerin, die ich anfangs beim Lernen unterstützte wurden schnell drei und die Tätigkeit machte mir so großen Spaß, dass ich beschloss, Lehrer zu werden, was ich heute, fast 8 Jahre später auch bin.“

Wie gestaltete sich dein Werdegang bei elhana?

„Bei einem Praktikum in der Projektkoordination von elhana konnte ich erfahren, wieviel Arbeit eigentlich hinter den Kulissen der Arbeit der Ehrenamtlichen steckt und dass mir diese Arbeit großen Spaß macht. So nahm ich das Angebot gerne an, neben dem Studium auch Verantwortung in der Projektkoordination zu übernehmen. Besonders schön fand ich über die Jahre, dass elhana von so vielen Menschen getragen wird, dass auch schwierige Zeiten (wenn z.B. die Finanzierung für das nächste Jahr im November noch unklar war) dem Projekt nicht anhaben konnten, weil eine Menge Menschen (Bewohner, Ehrenamtliche, Eltern und Kollegen) von der Wichtigkeit unserer Arbeit überzeugt waren und immer wieder bereit waren, sich für das Projekt einzusetzen und viel Zeit zu investieren.“

Wie war dein Eindruck deiner ersten Familie?

„Als ich das erste Mal die Wohnung meines zukünftigen Patenkindes betrat, war ich natürlich sehr aufgeregt. Wie würden wir uns verstehen? Bin ich eigentlich gut darin, einer 13-jährigen Mathe beizubringen? Wie werden die Eltern auf mich reagieren? Vera Klauer konnte mir in einem Vorgespräch schon einen Großteil meiner Sorgen nehmen. Sie begleitete mich auch zum Kennenlernen in die Familie und die Tatsache, dass sie im Kiez bekannt war wie ein bunter Hund (allseits wirde sie gegrüßt), gab mir große Sicherheit. In der Familie war dann alles ganz entspannt, eine offene, sympathische Mutter und eine interessierte Schülerin, die sich offensichtlich sehr freuten, dass Vera jemanden gefunden hatte, der Nicola unterstützen konnte. Nachdem ich gemerkt hatte, dass mir die Tätigkeit große Freude macht, begann ich noch mit 2 weiteren Schülerinnen zu lernen, deren Eltern aus der Türkei und Aserbaidschan kamen, so dass ich auch meine türkischen Sprachkenntnisse einsetzen konnte, um mit den Eltern zu reden.“

Was nimmst du für die Zukunft aus deiner Zeit bei elhana mit?

„Ich hab viel darüber gelernt, wie Kinder, die Schwierigkeiten in der Schule haben leben und lernen: Dass z.B. oft der Platz zu Hause fehlt, um in Ruhe Schularbeiten zu machen, weil kein größerer Wohnraum für eine Familie zur Verfügung steht, die Nachwuchs bekommen hat. Dass die Eltern meist entgegen dem Vorurteil, die Bildung ihrer Kinder sehr wichtig nehmen und ihre Kinder unterstützen, wo sie nur können. Besonders beeindruckt war ich von einer Mutter, die selber keinen Schulabschluss hatte, aber den ganzen Schulstoff ihrer Kinder mitlernte, um ihnen dabei helfen zu können, und sicher auch, um nachzuholen, wozu sie als Kind nicht die Möglichkeit hatte.

Ich habe aber auch viele Fragen mitgenommen. Wie kommt es z.B., dass ein Drittklässler davon überzeugt ist, kein Mathe zu können, wo doch noch so viel Zeit ist, Lernrückstände aufzuholen? Wie ist es zu erklären, dass an einer Schule, wo überwiegend SchülerInnen mit Zuwanderungsgeschichte lernen, es fast nur deutsche Lehrer gibt? Wie kann es sein, dass so viele Jugendliche aus der Düttmann-Siedlung ohne Schulabschluss in die Welt gehen, obwohl sie sicher nicht weniger intelligent sind, als Jugendliche aus Charlottenburg oder Steglitz?“

Deine Meinung zum aktuellen Bildungssystem?

„Es muss sich viel ändern. Und es ändert sich viel. Die teilweise beklagte Reformitis angesichts der Einführung von fächendeckender Inklusion, mit der so manche Schule überfordert ist, hat viele positive Aspekte, denn es werden viele Konzepte neu gedacht und so gibt es jetzt eine enge Erfahrungen mit neuen Konzepten wie jahrgangsübergreifendem Lernen, bilingualer Bildung, kooperativen und selbständigen Lernen. Das Problem besteht aber meiner Meinung darin, dass von diesen Entwicklungen wieder einmal vor allem die Schüler profitieren, die bessere Chancen im Bidlungssystem haben, sei es, weil die besseren Lehrer angesichts der Arbeitsbedingungen an Brennpunktschulen oft andere Schulen wählen, sei es weil diesen Schulen oft die finanziellen und personellen Ressourcen fehlen, um z.B. Inklusion adäquat umzusetzen.“

Wie geht es beruflich für dich weiter?

„Ich bereite mich gerade auf mein zweites Staatsexamen vor und werde zum kommenden Schuljahr meine erste Stelle als Lehrer antreten. Wo das sein wird, ist noch offen aber ich freue mich darauf, daran mitzuarbeiten, dass unsere Schulen besser werden. Meine Erfahrungen bei elhana werden mir dabei sicher eine Hilfe sein.“

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