Wenn Menschen Brücken bauen – Die Geschichte von Franziska

Was ich an meiner Arbeit bei elhana am meisten liebe, ist, dass ich immer wieder ganz unterschiedliche Menschen mit ihren persönlichen Lebensgeschichten kennenlernen darf. Das bringt mich dann total raus aus meiner Uni – Routine, weg von den großen Theorien die in den Hörsälen vermittelt werden, hin zu den alltäglichen Auswirkungen der Arbeit von ehrenamtlichen Lernpat_innen bei einzelnen Familien.

Eine dieser Geschichten, die ich hier nun erzählen möchte, ist die von Franziska. Franziska ist schon seit sage und schreibe sechs Jahren Lernpatin (und Vieles mehr wie ich erfahren durfte) bei einer Familie aus der Werner-Düttmann Siedlung. Als mir eine Kollegin von ihr und ihrem jahrelangen Engagement berichtete, wollte ich unbedingt herausfinden, wie und wieso Franziska und ihre Familie so eng zusammengewachsen sind. Also lud ich sie zum Gespräch ein.

Als Franziska und ich uns dann an einem sehr heißen Tag im fünften Stock der Urbanstraße treffen, frage ich sie zuerst nach ihren Beweggründen für eine Lernpatenschaft. Sie schien nicht lange überlegen zu müssen: Schon als sie sehr jung war (in den 1950er Jahren) habe sie sich um ihre kleinen Brüder und Nachbarkinder gekümmert und im Verlauf ihres Lebens habe sie immer wieder Kinder zu sich genommen und betreut. „Das liegt in meinem Wesen.“ sagt sie. Ihr Engagement sei dabei nie etwas Besonders gewesen, es gäbe so viele Menschen, bei denen es offensichtlich ist, dass sie in Not seien und Hilfe bräuchten. Zu elhana sei sie damals durch ihre Tochter gekommen. Diese hatte ein Praktikum bei unserem Verein absolviert und dabei Franziskas spätere Patenfamilie kennengelernt. Irgendwann sei sie einfach nach Hause gekommen und hätte gesagt: „Mama, ich kenne da eine Familie, die würde perfekt zu dir passen.“

Beim ersten Treffen sei sie ein bisschen aufgeregt und sehr beeindruckt gewesen. „Die Kinder waren ganz entzückend.“ erzählt sie mir. Ihr wäre schon beim ersten Gespräch klar gewesen, dass sie bei dieser Familie als Lernpatin einsteigen würde. Es schien für sie von Anfang an festzustehen, dass sie nicht nur die Kinder einzeln unterstützten wollte. Die Patenschaft hätte dann mit ein bis zwei Treffen die Woche zur Nachhilfe begonnen, in den Sommerferien wurde der Stoff des letzten Schuljahres nachgeholt und hin und wieder hätte sie mit den Kindern ein paar Ausflüge, zum Beispiel in Museen, ins Kino oder in den Zirkus unternommen. Im Laufe der Zeit wurden es immer mehr Ausflüge, sie hätte die Kinder bei alltäglichen Aktivitäten, wie Zahnarztarztbesuche begleitet und wurde von ihnen auch mal zu Hause besucht. Ein Kind der Familie brauchte zum Beispiel eine schulische Einzelbetreuung und auch da half Franziska jemanden zu finden. Sie sagt: „Zuerst war da die Begegnung, daraus erwuchs Beziehung und daraus schlussendlich Engagement. Manchmal bin ich eine Brücke zwischen der Familie und dem Rest der Welt.“

Wieso sie denn so lange schon Lernpatin ist, frage ich sie dann, denke aber gleichzeitig: eigentlich weiß ich das schon. Und irgendwie passt der Begriff Lernpatin für mich da auch nicht mehr so ganz. Franziska ist eine Freundin der Familie. Ihr Verhältnis geht weit über das einer normalen Lernpatenschaft hinaus. In kurzer Zeit hatte sie schon so unglaublich viel von ihren Erlebnissen mit den Kindern erzählt: Wie sie gestern Eis essen gewesen sind, dass die Mädchen sich auf die nächste Klassenfahrt freuen, wie sie zusammen den Weihnachtsbaum schmückten, wie sie einmal mit einem Kind zusammen vier Stunden im Neuen Museum war und der Junge aus dem Staunen nicht mehr rausgekommen wäre und als wie schön sie das alle empfand. Und so antwortet sie mir dann auch: „Ich wurde dort mit so offenen Armen aufgenommen und habe verschiedenste Situationen miterlebt, von alltäglichen Dingen bis hin zu tiefen Gefühlen. Das ist ein Geschenk und einfach nur schön.“, sagt sie, „Beide Seiten gewinnen so viel dabei.“

Dann frage ich sie, was sie anderen Lernpat_innen empfehlen würde. Natürlich erwarten wir nicht von all unsren Ehrenamtlichen solche Entwicklungen, wie bei Franziska und ihrer Patenfamilie. Aber vielleicht hat sie ja einen versteckten Masterplan, denke ich, den ich an andere Lernpat_innen weitertragen könnte, an Paare, die Problemen haben, damit es besser bei ihnen läuft. Franziska antwortet: „Mein Zugang zu der Familie ist sehr verknüpft mit meiner Lebensfreude: Ich habe mich immer eher auf das Fühlen konzentrieren, anstatt kopflich an Situationen heranzugehen. Sie sollten viel Neugierde mitbringen und mit der Einstellung an ihr Patenkind gehen: ‚Komm lass uns was schaffen.‘“ Aber es laufe auch nicht alles perfekt bei ihr und ihrer Familie. „Es gab Momente, da war ich sehr frustriert.“ Zum Beispiel, wenn das Kind mit der Lernschwäche unglücklich war, weil es trotz intensivem Lernen keine guten Ergebnisse erzielte.

Am Ende unseres Gespräches frage ich sie noch, wie es nun weitergeht bei ihrer Familie. Die Frage irritiert sie: „Wir werden natürlich weitermachen, je nachdem wie sich die Situation der Kinder in Zukunft verändert. Eins steht fest: Ich bleibe bei denen.“ Und was sie sich für die Familie wünsche? „Ich weiß nicht, wo es mit den Kindern hingeht, aber ich wünsche mir, dass sie etwas finden, wo sie nicht überlastet sind. Ich bilde mir nicht ein, dass ich bei den Kindern plötzlich die Schulnoten radikal verbessern kann. Ich wünsche mir einfach, dass sie einen Platz finden an dem sie froh sind und an dem ihr Potential gesehen wird.“

Nachdem ich mich von ihr verabschiede, muss aus irgendeinem Grund an ein Zitat von Mark Twain denken: „Die größte Macht hat das richtige Wort zur richtigen Zeit“ Ich würde dieses Zitat gern ergänzen, denke ich: „Die größte Macht hat das richtige Wort zur richtigen Zeit. Vom richtigen Menschen. Denn er hat die Chance eine Brücke zu bauen.“

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