Interview mit unserer Lernpatin Julia

Antonie: Vielleicht kannst du ja mal zuerst allgemein über deine Arbeit bei Elhana erzählen und erklären was du da so machst

Julia: Ja klar, gerne. Ich habe angefangen im Herbst und habe ursprünglich Ahmad, er ist in der dritten Klasse, Nachhilfe gegeben, hauptsächlich in Deutsch und Mathe. Ahmad hat noch zwei Schwestern, die auch schon in der Schule sind, Limar ist in der 6. Klasse, kommt jetzt in die 7. Klasse und Silin ist in der 2. Klasse. Ahmads Mutter hat mich dann irgendwann gebeten, seinen Schwestern auch noch Nachhilfe zu geben. Seit November gebe ich dann jetzt eigentlich immer zwei Mal die Woche Nachhilfe, mit Ahmad eigentlich immer eine Stunde und dann noch entweder mit Limar oder Silin. Ich mach mit allen eigentlich Deutsch und Mathe und bei Limar auch Naturwissenschaften, was eben gerade so anfällt. Meistens haben sie Hausaufgaben, die sie machen müssen und jetzt gerade in der Zeit in der sie zu Hause bleiben mussten, hatten sie immer irgendwelche Aufgaben die sie zu Hause erledigen mussten. Dabei helfe ich ihnen dann.

Antonie: Was waren für dich so die Gründe eine Lernpatenschaft zu übernehmen und wie bist du darauf und dazu gekommen?

Julia: Ich wollte mich schon länger sozial engagieren. Ich selbst hatte das Glück, dass ich in einer Familie groß geworden bin, die auf Bildung geachtet hat und da Deutsch meine Muttersprache ist, fiel mir die Schule immer sehr leicht. Es ist sehr wichtig, gerade im Grundschulalter, dass Kinder eine gute Ausbildung bekommen und einen leichteren Start ins Leben zu haben. Ich hatte das Glück das zu haben und würde das gerne weitergeben. Außerdem habe ich selbst eine Zeit lang im Nahen Osten gelebt und deshalb habe ich mich deshalb dann besonders gefreut, dass ich einer syrischen Familie zugeteilt wurde. Es ist eine sehr dankbare Art sich zu engagieren, weil man da sehr schnell sehr viel Feedback und positive Resonanz bekommt und wenn die Kinder dann gute Noten in der Schule geschrieben haben, haben die sich total gefreut und ich habe mich total gefreut und die Mutter ist dankbar das ich da bin, es ist einfach eine total schöne Erfahrung.

Antonie: Wie bist du dann konkret auf Elhana gekommen oder auf die Werner-Düttmann-Siedlung, hast du da irgendeinen Bezug zu oder war das mehr Zufall?

Julia: Ich habe zu dem Zeitpunkt in der Nähe gewohnt und wollte mich auch gerne lokal engagieren, weil ich es schön finde, wenn man auch irgendwie Beziehungen zu dem Viertel, in dem man wohnt hat. Da habe einfach gegoogelt nach Lernpatenschaften und was es da in Kreuzberg gibt und kam so auf Elhana. Die Familie, bei der ich das mache, wohnt am Kotti und ich muss sagen, es ist sehr spannend so eine ganz andere Seite von Kreuzberg zu sehen. Ich finde es gut, dass man nicht in einer Blase lebt und die Lebensrealität von seinen Nachbarn sieht und ein bisschen besser versteht.

Antonie: Über deine Aufgaben haben wir ja jetzt schon gesprochen, aber jetzt würde ich gerne wissen was sind Sachen, die deinen Patenkindern besonders schwerfallen oder was sind so Herausforderungen für sie?

Julia: Während der Corona-Pause haben wir per WhatsApp Video zusammen gelernt und das war teilweise schwierig, vor allem für Silin, das ist die die in der zweiten Klasse. Sie musste eine Bastelarbeit machen und dreidimensional Denken und ich muss gestehen, ich habe sonst nicht so viel Kontakt zu Kindern und es war interessant festzustellen, wie viele Dinge die man selbst so als selbstverständlich wahrnimmt man auch irgendwann mal gelernt hat. Ihr zu erklären, wie man eine Schablone ausschneidet und das daraus dann etwas dreidimensionales wird, das war so ein bisschen schwierig. Ich glaube was während Corona schwieriger war ist das man eben nicht mit dran sitzt und dann nicht schnell mal irgendwie was aufzeichnen oder aufmalen kann. Wir haben das dann halt so mit Video versucht. Das war echt schwierig, ansonsten muss ich sagen ich war überrascht, wie gut sie auch weitergelernt haben trotz Corona!

Antonie: Das mit den guten Noten hattest du ja vorher auch schon einmal angesprochen, aber hast du das Gefühl, das sich die Schulische Leistung von jetzt im Vergleich zu wo du angefangen hast, verbessert hat?

Julia: Die Mutter hat mir die Zeugnisse gezeigt, die sie gestern bekommen haben und die waren alle sehr gut. Sie meinte, dass das jetzt vor allem wegen der Lernpatenschaft sei, das kann ich nicht einschätzen, aber ich glaube gerade bei Limar, der ältesten, da hat es schon sehr geholfen. Im Naturwissenschaftsunterricht, da hat sie sich glaube ich von einer 4 auf eine 2 verbessert. Ich denke das war, weil wir vor den Arbeiten zusammen gelernt haben. Die anderen beiden waren auch schon davor immer eine der besten in der Klasse aber haben jetzt viel Lob bekommen, weil sie fleißig alle Hausaufgaben gemacht haben, das haben sie im letzten Jahr nicht.

Antonie: Hast du das Gefühl, auch über den konkret inhaltlichen Stoff hinaus, dass die Kinder mehr Wissen oder eine andere Meinung oder ein anderes Bewusstsein auch über größere Themen entwickelt haben?

Julia: Also ich habe auf jeden Fall gemerkt, dass sie mir gegenüber auf jeden Fall offener wurden, am Anfang waren sie sehr schüchtern und das haben sie sehr abgelegt. Und, ich bin so alt wie ihre Mutter, sogar ein Jahr älter glaube ich und habe natürlich so ein ganz anderes Leben, dadurch haben sie so Kontakt mit einer anderen Perspektive.

Antonie: Siehst du einen Mehrwert in solchen Patenschaften für den Kiez oder die Gesellschaft allgemein und wenn ja, welchen?

Julia: Ja also zum einen darin, dass man den Familien schon eine große Hilfe ist, zum Beispiel Limar, die älteste kommt jetzt auf eine weiterführende Schule und ihre Eltern waren ziemlich überfordert damit welche Schule sie auswählen, oder worauf sie da überhaupt achten sollen. Das sind dann so Sachen, wo sie mich um Hilfe bitten oder nach einer Meinung fragen. Ich glaube schon das es der Familie sehr hilft, beim Zurechtfinden in dem deutschen System, wenn sie da mal mit jemandem drüber sprechen können der sich damit auskennt. Ehrlich gesagt ist das auch für mich eine extrem bereichernde Erfahrung. Ich war davor nie in einem der Häuser am Kotti und die waren gar nicht im meiner Lebensrealität. Die Augen geöffnet zu bekommen wie Leute leben, in welchen Verhältnissen sie aufwachsen das ist schon sehr wichtig, auch für den Zusammenhalt einer Gesellschaft. Dadurch kann man vielleicht bis zu einem gewissen Grad mehr Verständnis entwickeln, auch für Konflikte, die entstehen können. Als weiße, deutsche war ich nie Teil einer Minderheit und war deswegen nie irgendwelchen Anfeindungen oder Ausgrenzungen ausgesetzt und das ist natürlich eine sehr privilegierte Situation und es ist extrem wichtig sich vor Augen zu halten, dass nicht alle das Glück haben so aufzuwachsen. Ich glaube es ist ein Reality-Check, der sehr bereichernd ist.

Antonie: Denkst du deine Patenkinder und die Familie sind mit dem Angebot so zufrieden?

Julia: Ja also ich habe auf jeden Fall den Eindruck. Wenn es nach ihnen ginge könnte ich auch noch öfter kommen aber da ich Vollzeit berufstätig bin ist es schwer mehr als die 2 Stunden machen zu können. Aber ja, ich glaube die sind sehr zufrieden und auch sehr glücklich das wir da gemached wurden und so zusammenarbeiten.

Antonie: Hast du einen Wunsch für deine Patenkinder?

Julia: Das sie das weiterhin so gut machen wie bislang und dass sie alle die Chancen des deutschen Bildungssystem so nutzen können wie ich das konnte und ihren Weg finden.

Antonie: Gibt es etwas, was du von deinen Patenkindern gelernt hast?

Julia: Ja auf jeden Fall dieses Umdenke oder sich wieder reinversetzen und zu schauen wie die Welt aussieht, wenn man 12 ist oder 8 oder 7 und was für Beispiele für sie irgendwie Sinn ergeben.

Antonie: Dann kommen wir jetzt schon zur letzten Frage – Was ist die schönste oder inspirierendste Geschichte, die du als Lernpatin erlebt hast?

Julia: Also als ich jetzt das erste Mal nach Corona wieder bei ihnen zu Hause war, so vor zwei drei Wochen, da hatten sie mir eine riesige Geschenketüte gemacht mit Selbstgebackenem und die Kinder hatten ein Bild gemacht und waren total froh das ich wieder zu ihnen kam, also das war einer der schönsten Momente, so zu sehen wie sehr sie sich freuen.

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